Veränderung

Jobanalyse Busfahrer

Digitalisierung hat viele Gesichter und heute ist der richtige Tag, um sich mal Gedanken zu machen, wie sehr sich allein ein Nicht-Bürojob innerhalb von nur 10 Jahren bereits verändert hat.

Stellt Euch den Job eines Busfahrers im Fernreiseverkehr im Jahr 2008 vor. Rom, Nordkap, Côte d’Azur, … Europa als sein Zuhause. Stellt Euch einen Busfahrer der alten Schule vor, immer im Hemd und Krawatte, das war einfach guter Stil. Wochenlang unterwegs und nur kurz zum Schlafen und Wäsche wechseln daheim. Navigationsgeräte gab es keine und es hätte gegen die Berufsehre verstoßen, sich auf eins zu verlassen. Der Fahrtenschreiber war analog und die Tachoscheibe wurde noch mit Bleistift beschriftet. Damals waren noch Nokia-Handys mit einer SMS-Funktion verbreitet und der Begriff EU-Flatrate war noch nicht geboren. Die lokale Wettervorhersage war im Hotelfoyer an einer Tafel angeschrieben.

Was also musste so ein Busfahrer alles in seinen Koffer packen für seinen Arbeitsalltag? Und wie sieht diese Liste 10 Jahre später aus? Fast alle Dinge sind vom Smartphone und dem mobilen Internet ersetzt worden.

2008 oder früher  Heute (zumeist im Smartphone)
1. Sein Handy. Smartphone
2. Einen kleinen Reisewecker. Smartwatch
3. Einen Fotoapparat. Kamera
4. Ein Wörterbuch. Übersetzungs-App
5. Stadtpläne & Landkarten vom Zielland. Google Maps
6. Seinen Kalender, der auch sein Tagebuch war. Kalender und App
7. Sein Adressbüchlein. Kontakte
8. Einen Reiseführer. Wikipedia, diverse Apps
9. Einige Musik CDs. Musik Apps
10. Ein gutes Buch. E-Book
11. Tipps von Kollegen für Restaurants. Tripadvisor
12. Bargeld in Fremdwährung. VISA-Card

Der Busfahrer im Jahre 2008 sollte zumindest Englisch und ein paar Brocken Italienisch gekonnt haben, denn die Übersetzungsapp, die ihn heute im Ausland vor der Sprachlosigkeit bewahrt, gab es noch nicht.

Hatte er eine Reifenpanne im Ausland, musste er sich selbst zu helfen wissen. Heute könnte er sich auf seinem Smartphone ein Youtube Video anschauen.

Nach Hause telefonieren war eine kurze und teure Angelegenheit. Dank kostenlosem WLAN in den meisten Hotels könnte er sich heutzutage zwischen Facetime, Skype oder WhatsApp Videotelefonie entscheiden und gratis mit seiner Familie sprechen.

Auf seinem digitalen Fotoapparat hatte er einen Speicherplatz von 2 GB. Wozu heute noch eine Kamera mitschleppen, wenn die neuesten Smartphones bis zu 256 GB Speicherplatz und 12 Megapixel Kameras haben?

Früher konnte er zum Einschlafen noch im ausländischen TV zappen. Heute könnte er sich online einen Film auf seinem Tablet anschauen.

Früher musste er sich sein Wissen aneignen und dem Reiseleiter vertrauen, dass dieser schon das Richtige erzählt. Heute könnte er in Sekundenbruchteilen jede Aussage des Reiseleiters mithilfe von Wikipedia oder Google verifizieren.

Ganz zu schweigen von den Möglichkeiten die Social Media in Form von Facebook, Instagram und Konsorten bietet. Er könnte seine Familie und Freunde jederzeit wissen lassen wo er ist und was er macht. Er könnte sogar einen Reiseblog führen und tagesaktuell Videos posten. Er wäre jederzeit, an jedem Ort mit der Welt vernetzt.

Früher musste er ein großes Selbstvertrauen haben und sich mehr auf seine Fähigkeiten verlassen können. Die Unabhängigkeit unterwegs und auch das Gefühl von Freiheit waren größer. Heute weiß nicht nur seine Familie und Freunde jederzeit was er macht, sondern auch sein Arbeitgeber hat die volle Kontrolle.

Könnte es sein, dass die Digitalisierung Freiheit und Unabhängigkeit auf der einen Seite der Waagschale gibt und gleichzeitig auch wieder an anderer Stelle nimmt? Und wie könnte man das Beste aus früher und heute vereinbaren?

Sevi

P.S. In liebender Erinnerung an meinen Vater, einen Busfahrer aus Berufung, der heute vor 10 Jahren verstorben ist.

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